Eine Gleisbaustelle zeigt den eigentlichen Erfolgsfaktor: Es sind die Menschen
Eine Gleisbaustelle zeigt exemplarisch, wie Arbeitssicherheit im Gleisbau, technische Komplexität, organisatorische Verantwortung und hohe Qualifikation zusammenwirken. Genau deshalb reichen Routine und Erfahrung allein heute oft nicht mehr aus.
Ein Satz, der hängen bleibt
„Willst Du ´ne S-Klasse als Firmenwagen?“
Diese Frage wurde einem Baggerfahrer gestellt. Nicht aus Großzügigkeit.
Sondern weil qualifizierte Spezialisten für bestimmte Tätigkeiten inzwischen außerordentlich selten geworden sind.
Der Anlass
Nach der Entgleisung eines Güterwagens mussten mehrere Kilometer Gleisanlagen instand gesetzt werden.
Bei einem Besuch der Gleisbaustelle ergab sich ein Gespräch mit Mitarbeitern des ausführenden Unternehmens.
Dabei wurde deutlich:
Der eingesetzte Maschinenführer war nicht einfach Baggerfahrer.
Er bediente einen Zwei-Wege-Bagger, der sowohl auf Straßen als auch auf dem Schienennetz eingesetzt wird.
Für diese Tätigkeit genügt praktische Erfahrung im Beherrschen der Maschine allein nicht.
Je nach Einsatzbereich sind zusätzliche Qualifikationen erforderlich. Wer einen Zwei-Wege-Bagger im Eisenbahnbetrieb bewegt, benötigt – abhängig von der konkreten Tätigkeit – besondere Befähigungen und muss die eisenbahnbetrieblichen Sicherungsmaßnahmen sicher beherrschen. Die Arbeitssicherheit auf Gleisbaustellen richtet sich dabei nach den jeweiligen umfassenden betrieblichen Regelwerken sowie den Anforderungen der zuständigen bahnfachlichen Stellen, dem Eisenbahn-Bundesamt und dem Unfallversicherungsträger.
Warum Gleisbaustellen besondere Anforderungen stellen
Eine Gleisbaustelle unterscheidet sich grundlegend von einer gewöhnlichen Tief- oder Straßenbaustelle.
Hier wirken gleichzeitig:
- schwerste Maschinen,
- Schwere und sperrige Materialien wie Schienen, Schwellen und Schotter,
- schnell fahrende Züge auf unmittelbar benachbarten Gleisen,
- elektrische Anlagen unter Hochspannung,
- Signaltechnik,
- Leit- und Sicherungstechnik,
- enge Sperrpausen,
- kurze Vorwarnzeiten bei vorbeifahrenden Zügen
- zahlreiche zeitgleich zusammenwirkende beteiligte Unternehmen.
Schon kleinste Fehler oder Unachtsamkeiten können innerhalb weniger Sekunden lebensgefährliche Folgen haben.
Deshalb werden Qualifikation, Organisation und Sicherungsmaßnahmen besonders hoch gewichtet.
Vor Beginn der Arbeiten werden die erforderlichen Maßnahmen entsprechend den betrieblichen Verhältnissen geplant und festgelegt. Nur wenn alle Beteiligten diese konsequent umsetzen, lässt sich sicheres Arbeiten im Gleisbereich gewährleisten.
Fachkräftemangel – oder etwas anderes?
Wir sprechen häufig vom Fachkräftemangel. Meine Beobachtung lautet inzwischen anders.
Unsere Arbeitswelt entwickelt sich immer stärker zu einem Netzwerk hochkomplexer Arbeitssysteme.
Mit jedem zusätzlichen Regelwerk, mit jeder zusätzlichen technischen Schnittstelle, mit jeder logistischen Kooperation steigen die Anforderungen an die dafür erforderliche Abstimmung, Koordination und Planung. Damit steigen auch die Anforderungen an diejenigen, die darin dauerhaft sicher arbeiten sollen. Und die damit einhergehende Verantwortung.
Das verändert den Arbeitsmarkt. Nicht jeder ist bereit – oder dauerhaft in der Lage –, diese hohen und zunehmend dichten Anforderungen zu erfüllen.
Vielleicht haben wir deshalb weniger einen Fachkräftemangel als vielmehr einen Mangel an Menschen, die hochkomplexe Systeme dauerhaft sicher beherrschen können.
Was Führung daraus lernen kann
Für Geschäftsführer ist das keine Personalfrage allein.
Es ist eine strategische Führungsaufgabe.
Wer heute Spezialisten gewinnen und halten möchte, muss verstehen,
- welche Qualifikationen tatsächlich erforderlich sind,
- welche Verantwortung diese Menschen tragen,
- warum Arbeitssicherheit im Gleisbau kein bürokratischer Selbstzweck ist,
- und weshalb gute Arbeitsbedingungen weit mehr bedeuten als die Höhe des Gehalts.
Gerade auf einer Gleisbaustelle zeigt sich, dass Prävention nur funktioniert, wenn Technik, Organisation und Mensch zusammenpassen.
Mein Fazit
Ich habe aus diesem Gespräch auf einer Gleisbaustelle vor allem eines mitgenommen:
Unfälle zeigen nicht nur technische Schwachstellen.
Sie machen sichtbar, wie komplex moderne Arbeitssysteme inzwischen geworden sind.
Wer Prävention ernst nimmt, beschäftigt sich deshalb nicht nur mit Vorschriften.
Sondern mit den Menschen, die diese Systeme täglich sicher beherrschen.
Denn Arbeitssicherheit entsteht nicht durch Formulare.
Sie entsteht durch Menschen, die Verantwortung übernehmen – und die Kompetenz besitzen, auch unter schwierigen Bedingungen die richtigen Entscheidungen zu treffen.