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Beobachtung am Gleisbau: Je komplexer die Technik, desto wichtiger die Menschen


Beeindruckende Maschinen sieht jeder.

Die Menschen dahinter dagegen kaum.

Vor wenigen Tagen hatte ich die seltene Gelegenheit, unmittelbar neben einer Gleisbaustelle eine Bettreinigungsmaschine RM 900 während ihrer Arbeit über längere Zeit zu beobachten.

Das Gleisbett verlief an dieser Stelle höher als der parallel verlaufende Weg.

Ich stand den Maschinen deshalb nahezu auf Augenhöhe gegenüber.

Für jemanden, der sich seit seiner Kindheit für Technik begeistert, war das faszinierend.

Gewaltige Förderketten. Hydraulik. Siebanlagen. Bänder. Antriebe. Alles greift ineinander.

Tonnen von Schotter werden aufgenommen, gereinigt und wieder eingebaut – während sich der gesamte Bauzug langsam Meter für Meter vorarbeitet.

Ganz großes Kino.


Der eigentliche Eindruck auf der Gleisbaustelle entstand nicht durch die Maschine.

Sondern durch die Menschen.

Die Arbeit am Gleisbett ist hart.

Sie ist laut.

Staubig.

Schwer.

Im Sommer herrschen Temperaturen weit über 35 Grad. Kein Schatten.

Im Winter Wind, Regen und Schnee.

Gearbeitet wird häufig nachts, an Wochenenden und immer fern von zuhause.

Wer einmal längere Zeit eine Gleisbaustelle beobachtet hat, erkennt schnell:

Hier geht es nicht um spektakuläre Technik.

Hier geht es um Menschen, die unter anspruchsvollsten Bedingungen hochkonzentriert und effektiv im Team zusammenarbeiten.


Irgendwann verstehst Du: Hier endet die eigene Fachkompetenz.

Während ich den Arbeitsablauf beobachtete, lief in meinem Kopf ständig derselbe Film.

Was passiert hier gerade?

Welche Maschine übernimmt welchen Arbeitsschritt? Welches Aggregat wirkt wie womit zusammen?

Welche Gefährdungen entstehen? Wie hoch sind die Risiken?

Wie hoch sind körperliche und mentale Belastung? Welche Schutzmaßnahmen sind notwendig?

Genau dafür werde ich bezahlt.

Und trotzdem kam irgendwann der Punkt, an dem ich mir eingestehen musste:

Bis hierher kann ich den Ablauf nachvollziehen.

Ab hier beginnt die Fachkompetenz derjenigen, die diese Arbeit täglich ausführen.

Ich halte diese Erkenntnis für ausgesprochen wertvoll.

Denn gerade in technischen Berufen, bei potentiell gefährlichen Tätigkeiten, wird Erfahrung und Kompetenz häufig unterschätzt.


Moderne Arbeitssysteme werden immer komplexer.

Viele Diskussionen drehen sich um Fachkräftemangel.

Ich glaube inzwischen, dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist.

Unsere Arbeitssysteme werden ständig komplexer:

Mehr Technik. Mehr Schnittstellen. Mehr Vorschriften. Mehr Spezialisierung. Mehr Abstimmung. Mehr Koordination. Mehr Logistik. Mehr Verantwortung.

Damit steigen zwangsläufig auch die Anforderungen an die Menschen. Die all das in jedem Moment sicher beherrschen.

Das Problem ist nicht, daß diese Menschen schlechter geworden wären.

Sondern weil ihre Aufgaben immer anspruchsvoller geworden sind.


Arbeitsschutz beginnt deshalb lange vor der Gefährdungsbeurteilung.

Arbeitsschutz bedeutet nicht in erster Linie Formulare.

Nicht Betriebsanweisungen. Nicht Dokumentation. Nicht Schulung und Unterweisung. Nicht PSA.

Er beginnt mit dem umfassenden Verständnis für die tatsächliche Arbeit.

Wer die einzelnen Belastungen an einem Arbeitssystem nicht versteht, wird auch die damit verbundenen Risiken nur oberflächlich erkennen.

Deshalb beobachte ich lieber einen Arbeitstag auf einer Baustelle, als zehn Seiten Vorschriften zu lesen.

Vorschriften beschreiben,
was
getan werden muss.

Die Praxis entscheidet,
wie
es tatsächlich funktioniert.

Wer das „Wie“ nicht versteht,
versteht auch das „Was“ nur oberflächlich.

 


Was Führungskräfte daraus mitnehmen können

Viele Unternehmen investieren erhebliche Summen in Maschinen.

Das ist notwendig.

Doch der eigentliche Engpass sind längst nicht mehr die Maschinen.

Es sind die Menschen, die sie sicher beherrschen.

Wer qualifizierte Spezialisten gewinnen und langfristig halten möchte, sollte deshalb zuerst deren Arbeitsrealität verstehen.

Nicht jede Tätigkeit lässt sich ersetzen.

Nicht jede Kompetenz kurzfristig aufbauen.

Und nicht jede Verantwortung delegieren.


Mein Fazit

Am meisten beeindruckt auf dieser Gleisbaustelle hat mich nicht die RM 900.

Sondern die Menschen, die sie bedienten.

Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Entwicklungen unserer Arbeitswelt.

Je komplexer unsere technischen Systeme werden,

desto entscheidender werden die Menschen, die sie verstehen und sicher beherrschen.

Und genau dort beginnt für mich moderner Arbeitsschutz.

…sicher geht das!

Markolf Weißhuhn, Fach-Autor und beratender Sicherheitsingenieur bei weißhuhn & collegen arbeitssicherheit-rheinmain.de
Über den Autor

Dipl. Hyd. Markolf Weißhuhn

Der Autor ist Beratender Sicherheitsingenieur und Kulturentwickler, Unternehmerberater und Systemischer Coach und Mentor für Führungskräfte. Als Privatdozent hat er bisher über 2.000 Sicherheitsfachkräfte und Sicherheitsbeauftragte ausgebildet.

Qualifiziert als Geowissenschaftler, Geschäftsführer, Managementberater, Elektromonteur, und Vater.
Er berät Führungskräfte zu Unternehmerhaftung, Risikomanagement, Prävention, Führungsverantwortung und Arbeitsschutz.

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