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Kurz-Zusammenfassung (Abstract)

Gefährdungen entstehen häufig nicht allein durch Tätigkeiten oder Arbeitsmittel. Die Beobachtung eines Ereignisses an einer Gleisbaustelle zeigt, warum wechselnde Randbedingungen wie Wind, Bodenfeuchte und Umgebungsfaktoren bei modernen Gefährdungsbeurteilungen Berücksichtigung finden müssen.

Gefährdungsbeurteilung: Warum sich Risiken täglich verändern

Einleitung

Gleisbauarbeiten gehören heute fast schon zum Alltag. Überall wird gebaut, saniert und modernisiert. Tagsüber. Nachts. An Wochenenden.

Dabei denkt man zunächst an schwere Maschinen, enge Zeitfenster, die Auswirkungen auf den Bahnbetrieb oder die körperlichen Belastungen der Beschäftigten.

Vor wenigen Tagen zeigte mir jedoch ein Ereignis, dass eine der größten Gefahren manchmal gar nicht auf der Baustelle selbst entsteht.

Sondern außerhalb.

Ein Ereignis, das nachdenklich macht

An einem heißen Nachmittag klingelte plötzlich das Telefon. Unsere Nachbarin hatte Rauch bemerkt. Kurz darauf war der Himmel über unserem Ort dunkel. Starker Wind trieb Rauch, Asche und Ruß kilometerweit vor sich her. Wenig später waren aus mehreren Richtungen Martinshörner zu hören.

Ein größerer Vegetationsbrand.

Später wurde bekannt: Rund sechs Hektar Feld waren abgebrannt. Bäume wurden zerstört. Ein abgestelltes Fahrzeug brannte aus. Bundesstraße und Bahnstrecke mussten gesperrt werden. Nach Presseberichten prüfen die Ermittlungsbehörden derzeit, wodurch das Feuer ausgelöst wurde. Ob tatsächlich ein Zusammenhang mit den unmittelbar benachbarten Gleisbauarbeiten besteht, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Darum soll es hier ausdrücklich nicht gehen.

Mich beschäftigt eine andere Frage.

Die eigentliche Beobachtung

Gleisbauarbeiten fanden dort nicht zum ersten Mal statt. Trennschleifer werden auf der Baustelle täglich eingesetzt. Auch Funkenflug ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Neu waren an diesem Tag die Rahmenbedingungen.

Seit Wochen hatte es kaum geregnet. Die Bodenfeuchte war außergewöhnlich niedrig. Die Vegetation war ausgetrocknet. Hinzu kamen starke, böige Winde. Innerhalb kurzer Zeit entstand dadurch möglicherweise eine völlig andere Risikosituation als an vielen anderen Arbeitstagen.

Nicht die Tätigkeit oder die Arbeitsmittel hatten sich verändert. Es war die Umgebung!

Genau hier beginnt moderne Gefährdungsbeurteilung

Viele verbinden Gefährdungsbeurteilungen mit Formularen. Mit Dokumentation. Mit Vorschriften. Mit Checklisten. Dabei wird leicht übersehen:

Keine Gefährdungsbeurteilung beschreibt eine Tätigkeit isoliert. Sie bewertet immer die Tätigkeit unter den konkreten Bedingungen, unter denen sie ausgeführt wird.

Und genau diese Bedingungen ändern sich ständig:

  • Extreme Temperaturen (Hitze / Kälte)
  • Wind / Böigkeit
  • Trockenheit / Nässe
  • Sicht / Beleuchtung
  • Baustellen-Verkehr
  • Verkehr unmittelbar angrenzend, der kein Bewußtsein über die Baustelle hat
  • Nachbargewerke
  • Einsatz mehrerer Firmen und Gewerke zeitgleich
  • Personaleinsatz, Schichtwechsel
  • Zeitdruck.

Je komplexer ein Arbeitssystem wird, desto wichtiger wird deshalb die Fähigkeit, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen.

Wanderbaustellen sind jeden Tag ein neues System

Besonders deutlich wird das bei Gleisbaustellen. Sie sind keine festen Produktionsanlagen. Sie wandern. Jeder neue Bau- und Streckenabschnitt bringt andere örtliche Bedingungen mit sich.

Andere Verkehrswege. Andere Vegetation. Andere Infrastruktur. Andere Menschen. Andere Risiken.

Wer hier lediglich die Tätigkeit oder die Arbeitsmittel betrachtet, übersieht unter Umständen genau die Faktoren, aus denen situativ neue Gefährdungen entstehen.

Das gilt für nahezu jede Branche

Dieses Prinzip beschränkt sich keineswegs auf den Gleisbau. In Industriebetrieben verändern sich Produktionsabläufe. Auf Baustellen ändern sich Witterung und Baufortschritt. In Logistikzentren schwanken Personalstärken und Umschlagaufkommen. Kommunale Bauhöfe arbeiten täglich an wechselnden Einsatzorten.

Überall gilt dieselbe Frage:

Welche Randbedingungen haben sich verändert?

Nicht gestern. Nicht im letzten Jahr. Sondern heute.

Führung bedeutet, Veränderungen zu erkennen

Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Aufgaben moderner Führung. Nicht nur Prozesse zu organisieren. Sondern Veränderungen wahrzunehmen. Bevor Veränderung zum Problem wird.

Organisation schafft den Rahmen. Fachkompetenz füllt ihn aus. Beides zusammen entscheidet darüber, ob Risiken rechtzeitig erkannt werden.

Mein Fazit

Mich hat an diesem Ereignis weniger der Brand beschäftigt. Sondern die Erkenntnis dahinter.

Risiken entstehen nicht allein durch Tätigkeiten. Sie entstehen oft erst durch die Wechselwirkung zwischen Tätigkeit und Umgebung.

Genau deshalb beginnt gute Prävention nicht am Schreibtisch. Sondern mit aufmerksamem Beobachten.

Jeden Tag. An jedem neuen Einsatzort.

Denn manchmal genügt eine einzige veränderte Randbedingung, damit aus einer alltäglichen Arbeit plötzlich eine außergewöhnliche Gefährdung wird.

…sicher geht das!

Markolf Weißhuhn, Fach-Autor und beratender Sicherheitsingenieur bei weißhuhn & collegen arbeitssicherheit-rheinmain.de
Über den Autor

Dipl. Hyd. Markolf Weißhuhn

Der Autor ist Beratender Sicherheitsingenieur und Kulturentwickler, Unternehmerberater und Systemischer Coach und Mentor für Führungskräfte. Als Privatdozent hat er bisher über 2.000 Sicherheitsfachkräfte und Sicherheitsbeauftragte ausgebildet.

Qualifiziert als Geowissenschaftler, Geschäftsführer, Managementberater, Elektromonteur, und Vater.
Er berät Führungskräfte zu Unternehmerhaftung, Risikomanagement, Prävention, Führungsverantwortung und Arbeitsschutz.

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