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Abstract:

Wie eine einfache Ersthelfer-Schulung außerhalb der Arbeitszeit plötzlich über Leben und Tod entscheidet und warum ein funktionierender Arbeitsschutz im Betrieb niemals eine Alibi-Veranstaltung sein darf.

Vom Besprechungstisch zum Lebensretter: Warum ein betrieblicher Ersthelfer die wichtigste Säule Ihrer Prävention ist

Niemand würde erwarten, dass einem hier am Besprechungstisch ein echter Held gegenübersitzt. Doch alles der Reihe nach.

Es ist ein ganz normaler Donnerstag im südlichen Rhein-Main-Gebiet. Routinebesuch bei einem professionell geführten Lebensmittel-Logistiker. Es geht um das übliche Tagesgeschäft: Beratung der Führungskräfte zum Arbeitsschutz, die regelmäßige Überprüfung technischer, organisatorischer und personenbezogener Schutzmaßnahmen sowie die Kontrolle der Dokumente. Alles ist in bestem Zustand. An der Besprechung nimmt auch der Sicherheitsbeauftragte, Herr L., teil – ein ruhiger, sachlicher und bescheidener Mann.

Beim vorherigen Termin hatten wir besprochen, dass unabhängig von der gesetzlichen Mindestquote jederzeit zusätzliche Mitarbeiter an einer Ersthelfer-Schulung teilnehmen können. Der Vorteil für Unternehmer: Es entstehen keine Lehrgangsgebühren, da die zuständige Berufsgenossenschaft die Schulungskosten komplett übernimmt. Herr L. fackelte damals nicht lange und entschied, sich als betrieblicher Ersthelfer ausbilden zu lassen.

Im aktuellen Gespräch wird nun beiläufig erwähnt, dass er durch diese Entscheidung unmittelbar „ein Leben retten konnte“. Die Geschichte, die ich daraufhin zu hören bekomme, klingt so unglaublich, dass es mir schier den Atem verschlägt.

Alarm am Strand: Reanimation statt Urlaub

Italien-Urlaub, Sommer, Strand. Plötzlich Aufregung und gellende Hilferufe. Herr L. eilt hinzu und sieht ein Kind im Wasser treiben – kopfunter, leblos. Gemeinsam mit anderen zieht er den kleinen Körper auf den Sand. Obwohl eine große Menschenmenge herumsteht, ist niemand der Umstehenden in der Lage, dem Kind – das keinen Puls mehr hat – zu helfen. Auch die anwesenden „Rettungsschwimmer“ versagen. Der alarmierte Notarzt wird am Ende 45 Minuten bis zum Unfallort brauchen.

Erinnern Sie sich aus dem Stegreif an das klassische ABC der lebenserhaltenden Sofortmaßnahmen?

  • A = Atmung sichern

  • B = Blutung stillen

  • C = Schock bekämpfen

Weil die Ausbildung zum Ersthelfer noch nicht lange zurücklag, funktionierte Herr L. instinktiv. Er erkannte die akute Lebensgefahr und begann sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung. Völlig auf sich allein gestellt, hielt er diese extrem anstrengende Reanimation über 12 Minuten lang ununterbrochen durch. Er sprach das 12-jährige Mädchen immer wieder an: „Stirb mir hier jetzt nicht weg!“ Er gab nicht auf, bis das Mädchen wieder zu Bewusstsein kam.

Eines ist sicher: Ohne das entschiedene Eingreifen und die handwerklich saubere Durchführung der Wiederbelebung durch den gelernten Ersthelfer hätte das Kind diesen Badeunfall nicht überlebt.

Die bittere Wahrheit der Prävention: Der Mangel an Feedback

Zurück am Besprechungstisch im Rhein-Main-Gebiet. Alle in der kleinen Runde sitzen berührt und mit Gänsehaut da. Übrigens: Niemand hat sich später bei Herrn L. bedankt. Doch darum geht es ihm nicht. Das Richtige konsequent getan zu haben – das ist es, was für ihn zählt.

Für uns als beratende Sicherheitsfachkräfte zeigt diese Geschichte aber ein tiefes, oft frustrierendes Grundproblem im Arbeitsschutz im Betrieb: Prävention hat kein direktes Feedback.

Wenn unsere präventive Arbeit Früchte trägt, passiert: nichts. Keine Unfälle, keine Toten, keine Schlagzeilen. Diese Ambivalenz führt bei Sicherheitsingenieuren und Fachkräften für Arbeitssicherheit manchmal zu einer Art Sinnkrise oder zu Zweifeln am eigenen Nutzen. Da der direkte Erfolg weder exakt messbar noch greifbar ist, leidet die emotionale Befriedigung im Berufsalltag.

Doch dieser Fall beweist das Gegenteil: Ohne strukturierte Unfallverhütung und Ausbildung wäre die Sterberate in allen Bereichen des Lebens um ein Vielfaches höher.

Hand aufs Herz: Wie funktioniert Ihre Rettungskette im Unternehmen?

Ein betrieblicher Ersthelfer schützt nicht nur Kollegen am Arbeitsplatz. Er nimmt dieses lebensrettende Wissen mit nach Hause – in die Familie, zum Sport, auf die Straße.

Als Geschäftsführer oder Werkleiter müssen Sie sich jetzt drei unbequeme Fragen stellen:

  1. Wissen Sie aus dem Stegreif, wer aktuell als betrieblicher Ersthelfer in Ihrer Schicht eingeteilt ist?

  2. Finden Ihre Mitarbeiter im Ernstfall innerhalb von Sekunden einen qualifizierten Retter und das nötige Erste-Hilfe-Material?

  3. Wann haben Sie das reibungslose Funktionieren der Rettungskette im Unternehmen zum letzten Mal unter realen Bedingungen prüfen lassen?

Zuviele Ersthelfer gibt es nicht. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Arbeitsschutz keine reine Papier-Rechtskonformität bleibt, sondern im Ernstfall Leben rettet. Wir unterstützen Sie dabei, Ihre Belegschaft rechtsverbindlich und wirksam aufzustellen.

Markolf Weißhuhn, Fach-Autor und beratender Sicherheitsingenieur bei weißhuhn & collegen arbeitssicherheit-rheinmain.de
Über den Autor

Dipl. Hyd. Markolf Weißhuhn

Der Autor ist Beratender Sicherheitsingenieur und Kulturentwickler, Unternehmerberater und Systemischer Coach und Mentor für Führungskräfte. Als Privatdozent hat er bisher über 2.000 Sicherheitsfachkräfte und Sicherheitsbeauftragte ausgebildet.

Qualifiziert als Geowissenschaftler, Geschäftsführer, Managementberater, Elektromonteur, und Vater.
Er berät Führungskräfte zu Unternehmerhaftung, Risikomanagement, Prävention, Führungsverantwortung und Arbeitsschutz.

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