Was Sprache über den Umgang mit Gefahren und Risiken verrät
Kurz-Zusammenfassung / Abstract
Die Gefährdungsbeurteilung ermittelt und bewertet Gefährdungen und leitet daraus erforderliche Maßnahmen ab. Doch nicht nur Zahlen, Tabellen und Dokumentation sind aufschlussreich. Auch die Sprache, die in einem Betrieb verwendet wird, kann Hinweise darauf geben, wie Menschen Gefahren wahrnehmen, ansprechen und mit Risiken umgehen.
Wie Sie an Sprachstilen den Umgang mit Gefahren und Risiken erkennen
Was hat die Sprache, die ich in einem Betrieb höre, mit der Gefährdungsbeurteilung zu tun?
Mehr, als man denkt.
Wenn wir über Gefährdungsbeurteilungen sprechen, denken wir meist an Tätigkeiten, Arbeitsmittel, Gefahrenquellen, Schutzmaßnahmen, Maschinendokumentationen und Unterweisungsnachweise. Das ist richtig.
Aber es gibt noch eine andere Ebene: Die Menschen, die in diesem Arbeitssystem arbeiten. Und manchmal verrät mir deren Sprache etwas darüber, wie der Betrieb tatsächlich mit Gefahren und Risiken umgeht.
Nicht als Beweis. Aber als Beobachtung. Und Beobachtungen sind für mich der Anfang interessanter Fragen.
Risikobewertung ist keine reine Dokumentationsaufgabe
Bei der Gefährdungsbeurteilung werden Gefährdungen ermittelt, Risiken bewertet, und aus dem Ergebnis der Bewertung werden erforderliche Schutz-Maßnahmen abgeleitet. Die DGUV beschreibt die Gefährdungsbeurteilung entsprechend als Grundlage des betrieblichen Handelns in Fragen von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit.
Bei der Risikobewertung unterscheidet die von der DGUV verwendete Systematik drei Bereiche.
Toleranzbereich
Das verbleibende Risiko ist tolerabel. Das bedeutet nicht, dass damit jede weitere Risikominimierung beendet wäre. Das permanente Minimierungsgebot bleibt bestehen. Ein besonderer Anlaß zum Handeln ergibt sich aus dieser Einstufung jedoch nicht.
Besorgnisbereich
Hier besteht Anlass zur Besorgnis. Das Risiko ist nicht mehr einfach hinzunehmen. Es sind Maßnahmen zur Risikominimierung erforderlich. Ziel ist, das verbleibende Risiko auf ein tolerabel niedriges Niveau zu bringen.
Gefahrenbereich
Hier besteht ein hohes beziehungsweise nicht tolerierbares Risiko. Entsprechend dringend ist der Handlungsbedarf: Das Risiko muss zwingend zeitnah durch geeignete Schutzmaßnahmen mindestens soweit reduziert werden, daß die Gefahrenschwelle unterschritten wird.
Damit wird deutlich:
Risikobewertung ist keine Übung für die Akte.
Aus der Bewertung ergibt sich Handlungsbedarf und Dringlichkeit.
Und damit kommen wir zu einem für mich interessanten Punkt.
Was verrät die Sprache darüber?
Bei einer Betriebsbegehung nehme ich die Arbeitssysteme und die Verhältnisse darin über viele Wahrnehmungskanäle wahr. Ich höre nicht nur, was gesagt wird. Sondern auch, wie es gesagt wird.
Manchmal fällt dabei ein Satz:
- „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Oder:
- „Da ist noch nie was passiert.“ Oder:
- „Das haben wir schon hundertmal gesagt.“ Oder:
- „Da kann man sowieso nichts machen.“ Oder:
- „Das interessiert doch keinen.“ Oder:
- „Wenn das passiert, ist es halt Pech“ Oder:
- „Ja, wenn der so doof ist, daß er das macht…“
„Wenn das wieder passiert, ist es halt Pech.“
Ein einzelner Satz ist zunächst nur ein einzelner Satz. Vielleicht war er ironisch gemeint. Vielleicht war jemand einfach schlecht gelaunt. Vielleicht war es nur ein flapsiger Spruch. Deshalb wäre es falsch, daraus sofort einen Befund abzuleiten.
Interessant wird es, wenn sich solche Äußerungen wiederholen. Dann entsteht möglicherweise ein Muster.
Und Muster interessieren mich. Weil sie Gewohnheiten abbilden. Weil sie Verhältnisse widerspiegeln. Weil sie das Verhalten zeigen. Kurz: Muster sind Ausdruck der gesamten Kultur einer Organisation.
Ironie kann völlig harmlos sein
Ironie gehört zum menschlichen Miteinander. Sie kann witzig sein. Sie kann Spannungen lösen. Sie kann sogar helfen, bestimmte Prinzipien zu vermitteln. Die paradoxe Intervention ist ein systemisch anerkanntes Werkzeug.
Deshalb ist Ironie für mich zunächst kein Warnsignal. Interessant wird sie erst, wenn sie regelmäßig mit bestimmten Sachverhalten verbunden ist. Dann lohnt sich die Frage:
Warum wird gerade darüber immer wieder ironisch gesprochen?
Sarkasmus macht mich aufmerksam
Sarkasmus ist für mich etwas anderes. Nicht weil ein sarkastischer Satz automatisch auf einen gefährlichen Betrieb schließen lässt. Sondern weil er möglicherweise etwas über die Kommunikation dahinter verrät.
Warum wählt jemand diese Ausdrucksform? Findet er mit einer sachlichen Aussage kein Gehör? Ist die Erfahrung entstanden, dass Hinweise ohnehin nichts bewirken? Kann ein Problem offen angesprochen werden? Oder ist die sachliche Diskussion darüber bereits erschöpft?
Sarkasmus kann ein Ausdruck von Frustration sein.
Und Frustration kann ein Hinweis darauf sein, dass irgendwo im System etwas nicht funktioniert. Da geht ein Summer an in meinem Hinterkopf.
Zynismus löst bei mir Alarm aus
Zynismus ist für mich deutlich kritischer. Nicht wegen des Wortes selbst. Sondern wegen dem, was dahinterstehen kann. Was damit verdeckt werden soll.
Ein zynischer Umgang mit Gefahren kann darauf hindeuten, dass jemand innerlich resigniert hat.
Und darum interessiert mich nicht zuerst der Satz. Mich interessiert die Haltung hinter diesem Satz. Und dann interessiert mich die Ursache für diese Haltung.
Wovor hat diese Person resigniert?
Vor der Führung? Vor der Organisation? Vor immer wiederkehrenden Problemen? Oder davor, dass erkannte Gefahren trotz mehrfacher Hinweise nicht beseitigt werden?
Das sind völlig unterschiedliche Ursachen. Aber jede davon kann für das Arbeitssystem relevant sein.
Der Satz ist nicht der Befund
Deshalb würde ich niemals sagen: „Dieser Mitarbeiter ist zynisch. Also haben wir ein Problem.“ So funktioniert das nicht. Die Äußerung ist eine Beobachtung. Nicht das Ergebnis.
Die interessante Frage lautet: Was steckt dahinter?
Und genau hier beginnt für mich gute Arbeit:
Fragen. Nachfragen. Zuhören. Nicht nur einmal. Sondern so lange, bis man verstanden hat, was tatsächlich dahinterliegt.
Eine Frage finde ich dabei besonders aufschlussreich:
Was passiert in diesem Betrieb, wenn jemand eine Gefahr anspricht?
- Wird zugehört? Wird nachgefragt? Wird ein System, eine organisierte Prozeßkette angestoßen? Wird die Ursache untersucht? Wird nach möglichen Gegen-Maßnahmen gesucht? Werden Maßnahmen eingeleitet? Wird die Wirksamkeit anschließend überprüft?
- Oder wird der Hinweis relativiert? Wird er wegdiskutiert? Wird er verlächerlicht? Wird gar verdeckt oder offen disziplinarisch dagegen agiert? Hört man irgendwann einfach auf, ihn überhaupt auszusprechen?
Im ersten Fall kann man von einer funktionierenden Arbeitsschutzorganisation sprechen.
Im zweiten Fall nicht.
Denn dann verändert sich etwas Grundsätzliches: Menschen akzeptieren Zustände, die sie ursprünglich selbst als problematisch erkannt haben.
Sie beginnen, Gefahren nicht mehr anzusprechen. Sie gewöhnen sich daran. Sie entwickeln eigene Umgehungslösungen. Gefahren werden nicht mehr als solche wahrgenommen, oder gar aktiv verdrängt: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf“ Das wußte schon Christian Morgenstern.
Und irgendwann wird aus einem bekannten Risiko ein vermeintlich normaler Zustand : Highway to Hell. Der nächste Unfall ist eine Frage der Zeit…
Genau hier berühren sich Gefährdungsbeurteilung und Führung
Eine Gefährdungsbeurteilung kann umfänglich dokumentiert sein. Sie kann formal sauber aussehen. Und trotzdem kann das tatsächliche Arbeitssystem mit Problemen behaftet sein.
Denn zwischen der dokumentierten Gefährdungsbeurteilung und der Realität liegen Menschen.
Menschen sehen Dinge, die kein Formular sieht. Sie erleben Störungen. Sie erleben Veränderungen. Sie erkennen Abweichungen. Sie wissen, wo Prozesse tatsächlich funktionieren – und wo sie nur auf dem Papier stehen.
Und sie wissen häufig sehr genau, welche Probleme bereits mehrfach angesprochen wurden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Kann dieses Wissen in der Organisation wirksam werden?
Zuhören ist eine Methode
Für mich gehört Zuhören deshalb zur Prävention. Nicht als freundliche Kommunikationsübung. Sondern als Methode, Informationen über ein Arbeitssystem zu gewinnen.
Wer fragt und wirklich zuhört, bekommt Informationen, die in keiner Checkliste stehen.
Und manchmal reicht dafür ein einziger Satz, um eine interessante Spur zu entdecken.
Dann beginnt die eigentliche Arbeit:
- Was steckt dahinter?
- Ist es ein Einzelfall?
- Ein Kommunikationsproblem?
- Ein Führungsproblem?
- Ein organisatorisches Problem?
- Oder tatsächlich eine bislang nicht ausreichend erkannte Gefährdung?
Mein Fazit
Mit der Gefährdungsbeurteilung bewertet die Organisation ihre Risiken. Die Organisation muss daraus handeln. Dazu ist sie verpflichtet!
Aber zwischen der Bewertung eines Risikos und seiner tatsächlichen Beherrschung steht der Mensch.
Deshalb interessiert mich bei einer Betriebsbegehung nicht nur:
Was sehe ich? Sondern auch:
Was höre ich? Und vor allem:
Was sagen mir die Menschen über ihren Umgang mit den Gefahren, die sie täglich erleben?
Ein einzelner Satz beweist nichts. Aber wiederkehrende Muster können Hinweise liefern.
Und Hinweise sind der Anfang guter Fragen.
Wir wissen nicht immer alles. Aber wir finden’s raus. Indem wir fragen.
Und zuhören. Genau zuhören.
…sicher geht das!