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Bild: Mit freundlicher Genehmigung Miniatur Wunderland Hamburg GmbH

Excerpt / Kurzbeschreibung / Abstract:

Was mich seit meiner Kindheit fasziniert: komplexe Systeme verstehen, Zusammenhänge erkennen und Lösungen finden. Heute geht es dabei nicht mehr nur um eine Modelleisenbahn, sondern um reale Arbeitssysteme, Führung, Risiken und Verantwortung.

Warum ich Komplexität liebe – und was eine Modelleisenbahn damit zu tun hat

Warum ich Komplexe Arbeitssysteme liebe?

Weiß ich auch nicht. War schon immer so.

 

Als Kind liebte ich die Eisenbahn. Drinnen und draußen.

 

Wenn Anfang der Siebzigerjahre die 52er-Güterzug-Dampfloks mit ihren fünf Koppeltriebachsen vor schweren Kohlezügen vorbeiratterten, klebte meine Nasenspitze am Fenster.

 

Die Erwachsenen saßen derweil stundenlang vor dem Fernseher und sahen die Live-Übertragung der Mondlandung.

Kein Rauch.

Kein Dampf.

Kein Stampfen, Zischen und Dröhnen.

Alle Bewegungen in Zeitlupe.

 

Für mich war das langweilig.

Ich wollte lieber wissen, wie etwas funktioniert.

Und vor allem: Was passiert, wenn ich es selbst ausprobiere?

 

Bauen. Verwerfen. Neu bauen.

Ich bastelte. Tüftelte. Probierte aus. Baute auf, verwarf, baute neu, passte an und machte es wieder besser.

Holz. Kunststoff. Metall. Litze, Stecker und Buchsen.

Wenn etwas nicht funktionierte: reparieren. Schrauben. Löten. Kleben. Bohren. Und wieder schrauben.

Irgendwann stand sie da: Meine Modelleisenbahn. Eine ziemlich komplexe Angelegenheit:

  • 28 Elektroweichen.
  • Sechs Blockstellensignale.
  • Zwei getrennte Stromkreise über die gesamte Strecke.
  • Ober- und Unterleitung.
  • Zwei Tunnel.
  • Eine Überführung mit Rampen.
  • Zwei Wendeschleifen.
  • Abschaltbare Ausweichgleise.

Und sechs Züge mit ausgesuchtem Rollmaterial. Darunter

Das waren seltene Stücke.

Damals war mir natürlich nicht bewusst, was mich daran eigentlich faszinierte.

Heute ist es mir ziemlich klar: Es war die Komplexität.

 

Irgendwann war die Anlage fertig.

Und damit ließ das Interesse nach.

Das klingt zunächst widersinnig.

Jahrelang hatte ich gebaut, verändert, repariert und optimiert.

Und als alles funktionierte, wurde es langweilig.

Ich begann stattdessen, die Modellbahnloks meiner Klassenkameraden zu reparieren.

Der Fachhändler bekam vermutlich irgendwann graue Haare wegen meiner nicht enden wollenden und immer ausgefalleneren Ersatzteilwünsche.

 

Rückblickend war auch das schon ein Hinweis. Mich interessierte weniger das fertige Ergebnis. Mich interessierte das System dahinter.

Warum funktioniert etwas? Warum funktioniert es plötzlich nicht mehr? Was hat sich verändert? Wo liegt der Zusammenhang?

Und vor allem: Wie bekommt man es wieder zum Laufen?

 

Heute ist das Spiel etwas anders

Heute geht es nicht mehr um eine Modelleisenbahn.

Es geht um reale Arbeitssysteme.

Um reale Gefahren.

Um Prozesse.

Um Menschen.

Um Gesundheit, Leibn und Leben.

Um technische Zusammenhänge.

Um Organisation.

Um Verantwortung.

Um unternehmerische Risiken.

Um sehr viel Geld, wenn sich herausstellt, dass etwas verändert oder investiert werden muss.

Und manchmal geht es auch um die Frage, wie sich rechtliche Folgeschäden vermeiden lassen.

Das Spielfeld ist größer geworden. Die Systeme sind komplexer geworden. Und die Konsequenzen sind real.

 

Arbeitsschutz ist ein erstaunlich komplexes Tätigkeitsfeld

Das wird gelegentlich unterschätzt.

Dabei bringt kaum ein anderes berufliches Feld so viele unterschiedliche Denk- und Handlungsbereiche zusammen.

  • Technik.
  • Organisation.
  • Psychologie.
  • Kommunikation.
  • Recht.
  • Wirtschaftliche Verantwortung.

Und immer steht dazwischen der Mensch.

Man muss Arbeitsschutz deshalb nicht nur kennen. Man muss ihn verstehen.

Und man muss mit Komplexität umgehen können.

Denn die Schwierigkeit liegt selten darin, dass einzelne Informationen fehlen.

Die Schwierigkeit liegt häufig darin, dass viele Informationen gleichzeitig relevant sind.

Und miteinander wechselwirken.

 

Genau das fasziniert mich bis heute

Ich kann auf eine technische Anlage schauen und mich fragen:

Wie funktioniert das?

Ich kann einen Arbeitsprozess beobachten und mich fragen:

Warum wird das genau so gemacht?

Ich kann Menschen bei ihrer Arbeit beobachten und mich fragen:

Was müssen diese Menschen eigentlich gleichzeitig wahrnehmen, entscheiden und leisten?

Welche Belastungen, Fehlerquellen und Gefahren resultieren daraus?

 

Und wenn etwas nicht funktioniert, oder es einen Zwischenfall gab, interessiert mich nicht nur:

Was ist passiert?

Sondern:

Warum konnte es passieren?

Welche Randbedingungen haben sich verändert? Welche Wechselwirkungen gibt es? Welche Information hat gefehlt? Welche Annahme war falsch? Welche Entscheidung wurde getroffen? Und was müsste sich nachhaltig ändern, damit es beim nächsten Mal anders läuft?

Das ist für mich der spannende Teil.

 

Komplexität bedeutet nicht, dass etwas unverständlich bleiben muss

Im Gegenteil.

Je komplexer ein System ist, desto wichtiger wird es, die richtigen Zusammenhänge zu erkennen.

Nicht alles gleichzeitig betrachten.

Aber das Richtige miteinander verbinden.

  1. Beobachten.
  2. Ordnen.
  3. Verstehen.
  4. Bewerten.
  5. Schlüsse ziehen.
  6. Maßnahmen abwägen.
  7. Handeln.

Und anschließend prüfen, ob es tatsächlich funktioniert.

Das klingt zunächst ziemlich selbstverständlich.

Ist es aber nicht.

Denn in komplexen Arbeitssystemen verändert sich ständig etwas.

Menschen wechseln. Prozesse verändern sich. Technik verändert sich. Randbedingungen verändern sich. Zeitdruck entsteht. Neue Anforderungen kommen hinzu.

Und plötzlich funktioniert eine Lösung, die gestern noch funktioniert hat, heute nicht mehr.

 

Genau deshalb haben mich die Gleisbaustellen in den vergangenen Wochen so beschäftigt

Ich habe dort beeindruckende Maschinen gesehen. Menschen bei anspruchsvoller Arbeit erlebt. Begeisterung gespürt. Komplexe Abläufe beobachtet. Und eine Arbeitsumgebung, die sich ständig verändert.

Eine Gleisbaustelle ist kein statisches System. Sie wandert. Mit jedem neuen Bauabschnitt verändern sich die örtlichen Bedingungen.

Und damit möglicherweise auch die Gefährdungen.

Darüber habe ich in den vergangenen Beiträgen dieser kleinen Eisenbahn-Serie geschrieben.

Über Menschen und ihre Qalifikation.

Über Maschinen und die Menschen, die sie führen.

Über die Bedeutung veränderter Randbedingungen.

Und über die Frage, was gute Gefährdungsbeurteilung eigentlich leisten muss.

Aber hinter diesen Beiträgen steckt noch etwas anderes.

 

Ein Mensch, der sich seit seiner Kindheit für komplexe Systeme begeistert

Vielleicht ist genau das der rote Faden

Die Modelleisenbahn war damals ein kleines, überschaubares System.

Heute sind es reale Arbeitssysteme.

Damals waren es 28 Elektroweichen.

Heute sind es Prozesse, Menschen, Technik, Organisation und Verantwortung.

Damals konnte ich ausprobieren, warum etwas nicht funktionierte.

Heute versuche ich herauszufinden, warum etwas in einem realen Unternehmen nicht funktioniert.

Und dann gemeinsam mit den Beteiligten Wege zu finden, wie es funktionieren kann.

Der Maßstab hat sich verändert. Die Faszination ist geblieben.

 

Was mich heute antreibt

Ich möchte verstehen, wie Menschen gute Arbeit leisten. Gerade dort, wo die Arbeit anspruchsvoll wird.

Wo Technik und Organisation ineinandergreifen. Wo Entscheidungen Konsequenzen haben.

Wo unterschiedliche Menschen, Interessen und Fachgebiete zusammenkommen.

Wo ein System nicht mehr mit einer einfachen Checkliste beschrieben werden kann.

Und ich möchte das, was ich dabei erkenne und verstehe, an andere Menschen weitergeben.

An Führungskräfte. An Verantwortliche.

An Menschen, die Systeme gestalten und Entscheidungen treffen.

Denn manchmal braucht es nicht noch eine Vorschrift, Regel, Norm oder Zertifizierung.

Manchmal braucht es einfach nur jemanden, der von außen hinschaut und die richtigen Fragen stellt.

 

Und vielleicht ist das die eigentliche Verbindung zwischen damals und heute

Damals wollte ich wissen, warum meine Eisenbahn funktioniert.

Heute will ich verstehen, warum komplexe Arbeitssysteme funktionieren.

Oder eben nicht.

Der Unterschied?

Heute hängen daran keine Modellbahnzüge mehr.

Sondern Menschen. Gesundheit, Leib und Leben.

Verantwortung. Unternehmen. Existenzen.

Und manchmal sehr viel Geld.

Das macht die Sache nicht weniger faszinierend.

Im Gegenteil.

 

Komplexität wird nicht dadurch beherrschbar, dass man sie kleiner redet

Sondern dadurch, dass man sie versteht.

Darüber können wir reden.

 

Wir wissen auch nicht alles.

Aber wir wissen eins:

…sicher geht das!

Markolf Weißhuhn, Fach-Autor und beratender Sicherheitsingenieur bei weißhuhn & collegen arbeitssicherheit-rheinmain.de
Über den Autor

Dipl. Hyd. Markolf Weißhuhn

Der Autor ist Beratender Sicherheitsingenieur und Kulturentwickler, Unternehmerberater und Systemischer Coach und Mentor für Führungskräfte. Als Privatdozent hat er bisher über 2.000 Sicherheitsfachkräfte und Sicherheitsbeauftragte ausgebildet.

Qualifiziert als Geowissenschaftler, Geschäftsführer, Managementberater, Elektromonteur, und Vater.
Er berät Führungskräfte zu Unternehmerhaftung, Risikomanagement, Prävention, Führungsverantwortung und Arbeitsschutz.

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